Tippen kann jeder …

Und weil es jeder kann, machen es auch so viele. Und weil es so viele machen, gibt es auch so viele unterschiedliche Preise. Manchmal sind die Preise extrem niedrig und manchmal erstaunlich hoch.

Wie die meist sehr niedrigen Preise zustande kommen, ist mir natürlich klar. Da sind Schreibkräfte in Indien, in Südafrika und in sonstigen Billiglohnländern am Werk. Dank des World Wide Web ist das heutzutage alles kein Problem mehr. Sogar in Deutschland verdienen die Schreibkräfte der großen Transkriptionsdienstleister oft gerade mal 5 Euro pro Stunde – brutto natürlich. Soweit hab ich das ja verstanden.

Aber wie geht es an, dass man immer wieder liest, dass Germanisten, Linguisten, Texter, Ingenieure und Naturwissenschaftler anscheinend nichts Besseres mit ihren Studienabschlüssen im Sinn haben, als eine Tätigkeit zu verrichten, deren Stundenlohn oft weit unter dem Mindestlohn liegt?

Und wie überleben die ebenfalls vorhandenen relativ hochpreisigen Schreibbüros bei einer solchen Konkurrenz? Was können solche Premiumanbieter besser?

Fragen über Fragen zu einer Sache, die jeder kann. Oder ist die Lösung viel einfacher, und ich sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht?

Gedanken Ihrer Tippmamsell Maria Haslinger

 

Zeitaufwand beim Transkribieren

Soeben habe ich gelesen, dass es durchaus üblich ist, bei der Transkription von Gesprächsaufzeichnungen einen Zeitaufwand von 1:3 einzuplanen. Also bei 60 Minuten Gesprächsaufzeichnung wären das drei Stunden Arbeitszeit. Wir reden jetzt vom Abtippen des Gesprächs, der eigentlich immer notwendigen Fremd- und Eigennamenrecherche, dem möglichst genauen Wort-für-Wort-Abgleich zwischen Aufnahme und Transkript und der abschließenden Duden-Rechtschreibkorrektur.

Das hat mich sehr stutzig gemacht. Ich bin jetzt seit mehr als sechs Jahren im Transkriptionsgeschäft und war auch nie eine Schnecke auf der Tastatur.

Über das oft propagierte Zehnfingersystem, das immer wieder erwähnt wird, will ich mich jetzt gar nicht weiter auslassen, weil, das wäre genauso, als ob mir der Taxifahrer versichert, dass er einen Führerschein hat.

Zurück zum Thema. Da stehen jetzt also tatsächlich drei Arbeitsstunden für die Transkription einer einstündigen Gesprächsaufzeichnung im Raum.

Selbst wenn ich von nur zwei sehr deutlich sprechenden Gesprächspartnern bei allerbester Aufnahmequalität und „einfachen Transkriptionsregeln“ ausgehe, komme ich leider trotzdem auf eine wesentlich höhere Arbeitszeit.

Beim reinen Abtippen (inklusive wiederholtem Anhören schwieriger Passagen) gehe ich von einer Stunde Arbeitszeit für zehn Minuten Gesprächsaufzeichnung aus. Das ergibt also eine reine Tippzeit von sechs Stunden für eine einstündige Aufzeichnung.

Da ich das Transkript immer zweimal ganz genau mit dem gesprochenen Wort abgleiche plus Fremdwörter- und Eigennamenrecherche und mit der Duden-Rechtschreibkorrektur nochmals das gesamte Dokument überprüfe, muss ich noch einmal etwa sechs Arbeitsstunden draufpacken, wenn die Qualität so sein soll, dass mir nicht im Nachhinein die Schamesröte ins Gesicht schießt, wenn ich an all die, von mir eventuell nicht entdeckten, Fehler denke.

Insgesamt kommen bei meiner Arbeitsweise durchschnittlich zehn bis zwölf Arbeitsstunden für eine Audiostunde Gesprächsaufzeichnung zusammen – oder nochmals zur Verdeutlichung – das wäre ein Zeitfaktor von 1:12, mit etwas Glück auch mal etwas weniger.

In der gleichen Zeit hätte der schnelle Wettbewerb schon zwei volle Audiostunden nicht nur abgetippt, sondern bereits an den Kunden geliefert.

Hier meine Meinung zum Zeitfaktor 1:3:

  1. Das extrem schnell abgetippte Transkript wird unkorrigiert an den Kunden geschickt – also praktisch im Rohzustand.
  2. Oder diese Kolleginnen und Kollegen verfügen über fast überirdische Fähigkeiten. Aber warum tummeln sich solche Intelligenzbestien nicht in besserbezahlten Arbeitsfeldern mit weniger Konkurrenz?
  3. Oder die Aussage von 1:3 stimmt schlichtweg nicht.

Jeder kann und soll sich seinen eigenen Reim drauf machen, beziehungsweise mir auch gerne auf die Sprünge helfen und mir sagen, was ich falsch mache. Man lernt ja bekanntlich nie aus.

Ihre Tippmamsell Maria Haslinger

Arbeitskapazität

Besonders am Anfang meiner Tippmamsell-Tätigkeit hatte ich immer Angst, auch mal einen Auftrag nicht anzunehmen, da ich nie wusste, wann der nächste kommen würde. Ich konnte zwar trotzdem immer meine Liefertermine halten, aber der Versuch, möglichst alle Aufträge zu übernehmen, führte dann manchmal schon zu fast unerträglich langen Arbeitstagen und sehr kurzen Nächten. Gerade beim Transkribieren müssen auch mal Pausen eingelegt werden, um eine konstante Qualität halten zu können. Da ist es nicht gerade hilfreich, wenn einem irgendwann beim Tippen die Augen zufallen. Ja, das ist mir auch schon passiert. 🙂

Ich musste also notgedrungen lernen, auch mal einen Auftrag nicht anzunehmen. Besonders bei meinen Stammkunden versuche ich dies natürlich unter allen Umständen zu vermeiden. Aber besser mal eine Sache ablehnen, als den Kunden mit zu langen Wartezeiten enttäuschen zu müssen, zumal ich mir von Anfang an geschworen habe, immer alle Liefertermine peinlichst genau einzuhalten, egal ob es sich um einen Stammkunden oder einen Neukunden handelt.

Ihre Tippmamsell Maria Haslinger