Zeitaufwand beim Transkribieren

Soeben habe ich gelesen, dass es durchaus üblich ist, bei der Transkription von Gesprächsaufzeichnungen einen Zeitaufwand von 1:3 einzuplanen. Also bei 60 Minuten Gesprächsaufzeichnung wären das drei Stunden Arbeitszeit. Wir reden jetzt vom Abtippen des Gesprächs, der eigentlich immer notwendigen Fremd- und Eigennamenrecherche, dem möglichst genauen Wort-für-Wort-Abgleich zwischen Aufnahme und Transkript und der abschließenden Duden-Rechtschreibkorrektur.

Das hat mich sehr stutzig gemacht. Ich bin jetzt seit mehr als sechs Jahren im Transkriptionsgeschäft und war auch nie eine Schnecke auf der Tastatur.

Über das oft propagierte Zehnfingersystem, das immer wieder erwähnt wird, will ich mich jetzt gar nicht weiter auslassen, weil, das wäre genauso, als ob mir der Taxifahrer versichert, dass er einen Führerschein hat.

Zurück zum Thema. Da stehen jetzt also tatsächlich drei Arbeitsstunden für die Transkription einer einstündigen Gesprächsaufzeichnung im Raum.

Selbst wenn ich von nur zwei sehr deutlich sprechenden Gesprächspartnern bei allerbester Aufnahmequalität und „einfachen Transkriptionsregeln“ ausgehe, komme ich leider trotzdem auf eine wesentlich höhere Arbeitszeit.

Beim reinen Abtippen (inklusive wiederholtem Anhören schwieriger Passagen) gehe ich von einer Stunde Arbeitszeit für zehn Minuten Gesprächsaufzeichnung aus. Das ergibt also eine reine Tippzeit von sechs Stunden für eine einstündige Aufzeichnung.

Da ich das Transkript immer zweimal ganz genau mit dem gesprochenen Wort abgleiche plus Fremdwörter- und Eigennamenrecherche und mit der Duden-Rechtschreibkorrektur nochmals das gesamte Dokument überprüfe, muss ich noch einmal etwa sechs Arbeitsstunden draufpacken, wenn die Qualität so sein soll, dass mir nicht im Nachhinein die Schamesröte ins Gesicht schießt, wenn ich an all die, von mir eventuell nicht entdeckten, Fehler denke.

Insgesamt kommen bei meiner Arbeitsweise durchschnittlich zehn bis zwölf Arbeitsstunden für eine Audiostunde Gesprächsaufzeichnung zusammen – oder nochmals zur Verdeutlichung – das wäre ein Zeitfaktor von 1:12, mit etwas Glück auch mal etwas weniger.

In der gleichen Zeit hätte der schnelle Wettbewerb schon zwei volle Audiostunden nicht nur abgetippt, sondern bereits an den Kunden geliefert.

Hier meine Meinung zum Zeitfaktor 1:3:

  1. Das extrem schnell abgetippte Transkript wird unkorrigiert an den Kunden geschickt – also praktisch im Rohzustand.
  2. Oder diese Kolleginnen und Kollegen verfügen über fast überirdische Fähigkeiten. Aber warum tummeln sich solche Intelligenzbestien nicht in besserbezahlten Arbeitsfeldern mit weniger Konkurrenz?
  3. Oder die Aussage von 1:3 stimmt schlichtweg nicht.

Jeder kann und soll sich seinen eigenen Reim drauf machen, beziehungsweise mir auch gerne auf die Sprünge helfen und mir sagen, was ich falsch mache. Man lernt ja bekanntlich nie aus.

Ihre Tippmamsell Maria Haslinger

Ich freue mich Ihren Kommentar:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s